Jahresbericht 2021

Spital Muri übernimmt in der Integrierten Versorgung eine Schlüsselrolle

Im Gesundheitswesen hat der Begriff «Integrierte Versorgung» Konjunktur. Gemeint ist eine optimale Abstimmung in der Zusammenarbeit der verschiedenen Leistungserbringer. Wie das Spital Muri an der Integrierten Versorgung teilnehmen will, erläutert Dr. med. Chris Heimgartner, seit 1. Mai 2021 neuer Chefarzt Medizin.

Dr. Chris Heimgartner sieht drei Hauptgründe, warum die Integrierte Versorgung für alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen zunehmend wichtig wird: «Da ist die demografische Entwicklung, der Altersdurchschnitt der Bevölkerung wächst laufend. Weiter werden das Gesundheitswesen im Allgemeinen und die Medizin im Speziellen mit einem zunehmenden Kostendruck konfrontiert. Der dritte Faktor ist der Fachkräftemangel; auch in der Region Freiamt führt die sinkende Zahl an Hausärzten dazu, dass eine ambulante medizinische Grundversorgung nicht mehr garantiert ist.» Problematisch werde diese Situation speziell dann, wenn eine Patientin oder ein Patient nach einem Spitalaufenthalt für Nachbehandlungen und -kontrollen auf einen Hausarzt angewiesen sei.

Den Patientenpfad mitgestalten

Die Konsequenzen aus dieser Situation sind naheliegend: Weil der Aufenthalt in einem Spital komplexer und kostspieliger wird, wachsen die Bestrebungen, möglichst viele Leistungen ausserhalb von stationären Einrichtungen zu erbringen. «Dieser Wandel zwingt auch ein Spital, die Behandlung nicht auf die Phase vom Spitaleintritt bis zum Austritt zu beschränken, sondern zu versuchen, den gesamten Patientenpfad schon vorher mitzugestalten», betont Dr. Chris Heimgartner.

Dass ein Spital hier mitmachen will, ist auch im Interesse der Patientinnen und Patienten und der Angehörigen, Stichwort wohnortsnahe Betreuung. Mit unserer integrierten Versorgung sind wir ein zentrales Puzzleteil in diesem wichtigen Zusammenspiel. Denn mit der schwindenden Dichte an Hausarztpraxen fehlt den Patientinnen und Patienten zunehmend die Möglichkeit, sich in einer selbstgewählten Praxis untersuchen oder nachbehandeln zu lassen. «Dazu kommt, dass die Spitäler auch den Auftrag haben, die Gesundheit der Menschen aufrechtzuerhalten, wiederherzustellen und sie zu betreuen.»

Das Regionalspital im Vorteil

Chris Heimgartner weist mit Blick auf den Ausbau der Integrierten Versorgung darauf hin, dass das Spital Muri in der Region gut vernetzt und deshalb auch prädestiniert ist, im Freiamt eine Schlüsselrolle zu übernehmen. «Wir sind bereit, inskünftig eine noch stärkere Koordinationsfunktion zu übernehmen.»

Die technische Implementierung und Ausgestaltung der Integrierten Versorgung in einem Regionalspital unterscheidet sich nach Auffassung von Chris Heimgartner gegenüber einem Kantonsspital nicht grundlegend: «Ich bin überzeugt, dass wir als Regionalspital eine persönlichere Note in diese Versorgungskette bringen können.» Die individuelle Ausrichtung geschehe im Übrigen unabhängig von einer integrierten Versorgung oder einer Konsultation in der Sprechstunde: «Wenn eine Patientin oder ein Patient sicher sein darf, dass sie oder er jeweils vom gleichen Ansprechpartner kontaktiert, beraten und behandelt wird, vermittelt ihr oder ihm dies ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit.»

Chris Heimgartner kann jene beruhigen, die trotzdem das Gefühl bekommen, durch eine ausgebaute Integrierte Versorgung könnte die Qualität der Patientenbetreuung leiden: «Mit der Digitalisierung, mit der Telemedizin und der Fernüberwachung kommen Tools zum Einsatz, die zwar neue Kompetenzen und Fähigkeiten erfordern, die Behandlungs- und Betreuungsqualität wird dadurch aber nicht tangiert.»

Der Chefarzt Medizin führt dazu ein Beispiel aus der Kardiologie an. «Die vom Herzschrittmacher oder vom Defibrillator ermittelten Resultate können in der Sprechstunde oder aber auch per telemedizinischer Übertragung abgefragt werden: Der Arzt loggt sich ein, nimmt mit der Sendestation am Bett der Patientin oder des Patienten Kontakt auf und lässt sich die Werte übermitteln.» Das bedeutet: Die Kontrolle und Interpretation der Ergebnisse verläuft auf dem gleichen Weg, ob die Patientin oder der Patient nun in der Sprechstunde beim Arzt sitzt oder sich zu Hause befindet.

Integrierte Versorgung trägt auch dazu bei, die Qualität der Behandlung und Betreuung zu optimieren, indem sie die Zahl der Schnittstellen minimiert. Dazu Chris Heimgartner: «Eines der Hauptprobleme in der Medizin ist das Wissen, das verloren geht, wenn eine Patientin oder ein Patient von der Betreuung A in die Betreuung B wechselt.» Dies könne im Spital passieren, wenn jemand von der Intensivstation auf die Abteilung verlegt wird und relevantes Wissen nur in den Köpfen bleibe und nicht zu Papier gebracht bzw. digital erfasst werde. Verlässt eine Patientin oder ein Patient dann das Spital, weiten sich die Defizite nicht erfassten Wissens aus. «Die Integrierte Versorgung optimiert somit den Patientenpfad.»

Finanzierung als Hauptproblem

Eines der Hauptprobleme, wenn es um den Auf- und Ausbau der Integrierten Versorgung geht, ist die Finanzierung. Tarmed, das ärztliche Tarifwerk, bildet nämlich alle erbrachten Leistungen ausserhalb einer direkten ärztlichen Konsultation nicht ab. «Das bedeutet zum heutigen Zeitpunkt, dass auch unsere besten Ideen vorerst nicht finanziert werden können», betont Chris Heimgartner.

Es werde wohl einen politischen «Hosenlupf» brauchen, um zu einem Finanzierungssystem zu gelangen, welches das Konzept gewinnbringend abbildet. Oder aber es brauche alternativ finanzielle Mittel von Kanton, Versicherungen und anderen Geldgebern. Schliesslich müsse das Projekt nicht nur finanziert, sondern nachher auch am Leben erhalten werden.

Für das Spital Muri kein Neuland

Chris Heimgartner erinnert daran, dass Integrierte Versorgung für das Spital Muri kein Neuland darstellt. Elemente dieses Konzepts bestehen seit langer Zeit. Mit Blick auf den stationären Betrieb nennt er als Beispiel die ambulante Sprechstunde, in der Ärztinnen und Ärzte auf Patientinnen und Patienten treffen, die bisher nie ein Spital hatten aufsuchen müssen – das Angebot einer Behandlung also, mit der unter anderem auch Hospitalisationen verhindert werden können.

Andere Beispiele sind die Nachbetreuung, beispielsweise nach einem Herzinfarkt oder der Sozialdienst (Case Management), der als Dienstleistung den Spitalaustritt speziell für ältere bzw. alleinstehende Leute plant. Er klärt ab, ob eine Übergangspflege in einem Heim benötigt wird, ob die Spitex einbezogen werden muss oder ob unter Einbezug von Angehörigen eine weitere Betreuung im eigenen Zuhause sichergestellt werden kann.

Im Kontakt mit der Gemeinde Muri

«In Zukunft wird es darum gehen, die neuen Möglichkeiten und Chancen – auch unter Berücksichtigung der Digitalisierung – zu nutzen und auszubauen, die Zusammenarbeit mit den Leistungspartnern zu konkretisieren und zu offizialisieren.» Chris Heimgartner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das Spital auch mit der Gemeinde Muri im Kontakt steht.

Im Dezember fand zwischen einer Kaderdelegation des Spitals unter Führung von CEO Daniel Strub und Gemeindepräsident Hans-Peter Budmiger ein Gedankenaustausch statt. Denn Integrierte Versorgung beinhaltet auch bedeutende soziale Aspekte, Fragen rund um ein altersbetreutes oder generationenübergreifendes Wohnen beispielsweise. Chris Heimgartner blickt jedenfalls optimistisch in die Zukunft: «Auch die Gemeinde ist interessiert, gemeinsam mit uns das Projekt der Integrierten Versorgung weiterzuentwickeln.»